„Stell dir vor, du bist ein Ferkel“

Ein „weltweit gravierendes Problem“ nennt das Robert Koch Institut die Ausbreitung von Resistenzen gegen Antibiotika, die jährlich in Deutschland Tausende Tote fordert. Die rasche Ausbreitung wird durch den inflationären Einsatz des Medikamentes bei Nutztieren gefördert. Im Rahmen des Projekts „Studenten schreiben“ hat Ann-Sophie Henne recherchiert, wie Tierärzte und Landwirte in Sachsen-Anhalt versuchen, den Antibiotika-Einsatz im Tierbereich zu minimieren.

von Ann-Sophie Henne

Um inflationären Antibiotikaeinsatz einzudämmen, werden bei den Tieren Proben entnommen und im Labor ausgewertet. (Bildrechte: Martin Pfützner)
Tierärzte und Landwirte in Sachsen-Anhalt befinden sich auf einem guten Weg, den Antibiotikaeinsatz in Nutztierhaltungsbetrieben zu minimieren. Denn die inflationäre Verabreichung des Medikaments bei Nutztieren kann für den Menschen lebensgefährlich sein. Bei häufigem oder falschem Einsatz des Medikaments bilden die Tiere resistente Bakterien. Diese schlummernden Keime können durch direkten Kontakt oder Nahrungsaufnahme auf den Menschen übertragen werden. Die Folge: gewisse Antibiotika sprechen im Notfall beim Menschen nicht mehr an. Laut Bundesgesundheitsministerium sterben jährlich 10.000 bis 15.000 Deutsche an Krankenhausinfektionen, ein Teil davon an resistenten Erregern.

Die öffentliche Debatte darüber zeigt hierzulande Wirkung. Die Landwirte würden sich zunehmend an Tierärzte wenden, die sich Zeit nehmen für eine akkurate Diagnose, wodurch sie Medikamente wie Antibiotika nur gezielt und auf den Keim abgestimmt einsetzen würden, so der Tierarzt Martin Pfützner.

Hauseigenes Labor verhilft zu schneller und gezielter Therapie

Mit der Praxis am Weinberg in Jessen geht er mit gutem Beispiel voran. Das zwölfköpfige Ärzteteam hat sie sich bereits über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht. Momentan betreut die Praxis 19 Schweine- und 22 Milchviehanlagen in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Brandenburg.

Effektiv oder nicht? Auf diesen Agarplatten werden bei kuschligen Temperaturen Keime angezüchtet. Anschließend wird geprüft, ob das dazugegebene Antibiotikum Wirkung zeigt. (Bildrechte: Martin Pfützner)
 
Was die Praxis in erster Linie von vielen anderen unterscheidet, ist das hauseigene Labor. Hier werden von Mikrobiologen Urin-, Milch- und Organproben genommen, um genau zu prüfen, auf welches Antibiotikum das erkrankte Tier ansprechen wird.

Mit diesem Wissen ist den Tierärzten der Praxis eine schnelle und gezielte Therapierung der Tiere möglich – zwei wichtige Aspekte, um den breitflächigen Antibiotikaeinsatz in Nutztierhaltungsbetrieben einzudämmen.

Zusätzlich isolieren Laborleiterin Anne Brettschneider und ihr Team hier auch Keime, die sie zu sogenannten Impfstoffwerken schicken, um speziell auf den jeweiligen Betrieb abgestimmte Impfstoffe zu erhalten.

In Planung für die Praxis sei außerdem eine Privatpathologie, um im Nachgang den Tod von verschiedensten Tierarten besser nachvollziehen zu können. So könne beim nächsten Mal eine schnellere Lösung gefunden werden, so Pfützner. „Das wäre bislang die einzige Tierpathologie dieser Art zwischen Leipzig und Berlin.“

„Stell dir vor, du bist ein Ferkel.“

Martin Pfützner, Tierarzt

Doch Martin Pfützner’s Arbeit beginnt weit vor der Auswertung im Labor. Denn oftmals lässt sich eine Erkrankung der Tiere generell vermeiden, wenn auf den Betrieben im Voraus gewisse Maßnahmen getroffen werden. „Bei Schweinen spielen verschiedene Aspekte eine Rolle. Der kritische Punkt ist meistens, wenn die Ferkel von ihrer Mutter getrennt werden und in die Aufzuchtstation kommen“, erklärt der Tierarzt. „Das bedeutet einen Ortswechsel und eine Futterumstellung.“ Oftmals löse das so viel Stress aus, dass Erkrankungen die Folge seien, die wiederum mit Antibiotika behandelt werden müssten.

Pfützner’s Tipp: sich in das Tier hineinversetzen. „Als Ferkel wühlst du gern im Dreck und frisst alles Mögliche vom Boden. Die Realität ist aber: Du wurdest gerade von deiner Mutter getrennt. Du befindest dich in einem sterilen Raum, in dem du noch nie warst. Und das Futter kommt mit einem Mal aus einem Automaten, den du mit dem Kopf bedienen musst.“ Das löse im besten Fall nur Stress aus, im schlimmsten Fall den Hungertod.

Wer in solch einem Fall den „plötzlichen“ Tod seiner Ferkel nicht nachvollziehen kann, gibt dem Rest möglicherweise Antibiotika, um weitere Todesfälle zu vermeiden. Unnötiger gehe es kaum, weiß Pfützner.

Herrscht hier Eisenmangel? Martin Pfützner testet ein Ferkel im Stall per Schnelltest auf Blutarmut. Auch dieser Mangel kann unbehandelt zu Krankheiten führen, die Antibiotika notwendig machen. (Bildrechte: Martin Pfützner)

Massive Fortschritte in Aufzucht und Mast

„Schon während der sogenannten Abferkelungsphase sollten Ferkel mit dem Trockenfutter in Kontakt kommen, damit die Veränderung in der Aufzuchtstation nicht zu plötzlich kommt“, erklärt der Tierarzt. Eine weitere Krankheitsquelle seien auch eine unpassende Raumtemperatur oder zu viel Durchzug im Stall.

Die positive Wirkung dieser und weiterer Maßnahmen zeige sich bei den durch die Praxis betreuten Betrieben sehr deutlich. „Die Schweineproduktion Prießen in Grauwinkel hat ihren 1300 Schweinen, die monatlich von der Aufzucht in die Mast kommen, früher noch mindestens eine Woche lang Antibiotika verabreicht. Mittlerweile ist dank der genannten Maßnahmen ein Antibiotikaeinsatz in dieser Phase überhaupt nicht mehr notwendig“, so Pfützner. Auch in der Aufzuchtphase seien massive Fortschritte zu verzeichnen: Während das Antibiotika hier früher zwei Wochen lang präventiv verabreicht wurde, fände der Einsatz mittlerweile nur noch gezielt statt und es gäbe Gruppen, die bereits komplett antibiotikafrei sind.

70 Prozent weniger Antibiotikavergabe

„Insgesamt nähern wir uns einem zufriedenstellenden Zustand an, auch wenn natürlich immer Luft nach oben ist“, so Pfützner. Ein präventiver Einsatz von Antibiotika komme eigentlich gar nicht mehr vor. Insgesamt seien von 2010 bis 2017 in seiner Praxis 70 Prozent weniger Antibiotika vergeben worden.

1,40 Euro pro Kilo Schwein

Ein großes Problem für die Landwirte sieht Pfützner nach wie vor in den Preisen, die momentan von den Schlachthöfen geboten werden. „Im Moment liegen wir unter 1,40 Euro pro Kilogramm Schwein. Das Futter ist hiervon noch gedeckt – die Kosten für Tierarzt und Mitarbeiter schon nicht mehr.“ Die geringen Preise für die Tiere verursachen laut Pfützner in manchen Fällen indirekt wieder einen erhöhten Antibiotikaeinsatz, zum Beispiel weil eine Renovierung des Stalles nicht möglich sei.

Was kann ich tun, um mich vor muliresistenten Keimen zu schützen?

Für die gesamte Öko-Tierhaltung ist der präventive Einsatz von Antibiotika verboten. Das bedeutet, Produkte mit Bio- Siegel wie das EU-Bio-Siegel EG-Öko-VO 834/2007, Naturland, Bioland oder Demeter stellen eine vergleichsweise sichere Variante dar. Erhält ein Tier mehr als dreimal pro Jahr Antibiotika, dürfen dessen Produkte nicht mehr mit Bio- oder Verbands-Siegel verkauft werden.

Zusätzlich lohnt es sich laut Bundesinstitut für Risikobewertug, bei der Zubereitung von Fleisch auf eine gute Küchenhygiene zu achten. Wer sein Fleisch bei 70°C für zwei Minuten erhitzt, tötet Keime jeglicher Art damit ab. Wichtig ist aber auch, sich gründlich die Hände zu waschen, nachdem man rohes Fleisch angefasst hat. Auch Schneidbretter oder Messer sollten nach Gebrauch sofort gründlich gereinigt werden, damit keine anderen Lebensmittel mit den Bakterien in Berührung kommen.

 

Zuerst erschienen bei: MDR Sachsen-Anhalt Online am 25. März 2018 in Halle.

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