Der Maler Herbert Stockmann und die Triebkraft der Kunst

Von Magdeburg an die Akademien Europas, bis zu den Mönchen von Athos und nach Nordafrika, vom Studenten zum Lehrer: Der Maler Herbert Stockmann hat für die Kunst gelebt. Seine Biografie ist ebenso bemerkenswert wie tragisch.

Herbert Stockmann (1913 – 1947) Bildrechte: Arbeitsgruppe MBL; Universität Magdeburg.

Der Maler Herbert Stockmann hat sein Leben der Kunst gewidmet. Er studierte in Magdeburg, Prag und Paris, reiste durch Nordafrika und arbeitete mit Paul Klee. Während der NS-Diktatur haben die Nationalsozialisten seine Werke verboten, ihn politisch verfolgt und zwangsrekrutiert. Nach Kriegsende hat er in Halle unterrichtet und die Wiederbelebung der Kunst maßgeblich mitgestaltet. Im Rahmen des Projekts „Studenten schreiben“ hat sich Marco Hennig mit dem rastlosen Künstler auseinandergesetzt.

„Ein fast vergessener Maler und Grafiker aus Mitteldeutschland“, schreibt der Vorsitzende des Halleschen Kunstvereins Hans-Georg Sehrt in einem Ausstellungskatalog zu Herbert Stockmann. Der Verein hat 2013 anlässlich Stockmanns 100. Geburtstag die erste eigenständige Publikation über Leben und Werk des Künstlers veröffentlicht. Letzteres ist seit 2018 nicht mehr urheberrechtlich geschützt, da Stockmann vor über 70 Jahren gestorben ist – Gelegenheit, um erneut an den fast vergessenen aber bedeutenden Maler zu erinnern.

Von Schönebeck nach Nordafrika

Geboren und Aufgewachsen in Schönebeck an der Elbe erlernte Herbert Stockmann frühzeitig das Malerhandwerk. Die Bildende Kunst hat den Sohn einer Arbeiterfamilie in ihren Bann gezogen. Mit 18 Jahren absolvierte er ein Studium an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in Magdeburg. Besonderes Interesse fand er an den Impressionisten des frühen 20. Jahrhunderts.

Herbert Stockmann (rechts) während einer Studienreise in Rom, 1938. Bildrechte: Stiftung Moritzburg. Kunstmuseum Sachsen-Anhalt

In den darauffolgenden Jahren hat Stockmann mehrere Studienreisen durch Europa und nach Nordafrika unternommen. Er hat die Kunstakademien von Paris sowie Prag besucht und in Bern mit Paul Klee gearbeitet. Auf der griechischen Halbinsel Chalkidiki hat er die Mönchskunst von Athos studiert. Im libyschen Tripolis präsentierte der junge Künstler seine Arbeiten in einer Sonderausstellung – darunter zahlreiche Gemälde, Radierungen und Zeichnungen.

Seine frühen Werke sind überwiegend impressionistische Stadtbilder und Landschaften. Sie zeigen seine Vorliebe für die Kunst von Lyonel Feininger und die Architektur. Hans-Georg-Sehrt schreibt über Stockmanns Stil: „Klare Zeichnung, Reduzierung auf de

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n Strich sowie die flächenhaft eingesetzte zarte Farbigkeit und trotzdem das Erfassen des Atmosphärischen zeichnen diese Arbeiten aus. Sie sind wohl gerade in letzterem den Arbeiten Feiningers ebenbürtig.“

Der Terror des Nationalsozialismus

Die Reisen des Malers waren auch politisch motiviert. Die NS-Regierung hatte bereits 1933 ein Malverbot gegen Stockmann verhängt. Seine Bilder galten als „Entartete Kunst“. Nur im Ausland konnte er weiterhin künstlerisch wirken und dem Reichsarbeitsdienst entfliehen. In Nazideutschland gehörte er zu den politisch Verfolgten.

Die Gestapo inhaftierte den Künstler 1939 während eines Familienbesuchs in Magdeburg. Nach mehrmonatiger Haft schickten die Nazis Stockmann mit der Strafdivision an die sowjetische Front. Er wurde schwer verwundet und verbrachte die Zeit bis Kriegsende im Lazarett.

Der Krieg und die NS-Zeit haben das Werk des Malers sichtbar beeinflusst. Stockmann thematisierte mehrfach die Zerstörung Magdeburgs und ergänzte seinen Kunststil des sinnlichen Eindrucks durch expressionistisch und abstrakte Elemente. Hans-Georg Sehrt beschreibt die Entwicklung wie folgt: „Früh sparsam Gestaltetes erinnert an impressionistische Einflüsse, während später eher Konstruktives und linear Abstrahiertes dominieren. Bei den Darstellungen des zerstörten Magdeburg lassen Atmosphäre und Details eine Art Verschmelzung beider Stile erkennen.

Alles für die Kunst

Im Herbst 1945 kehrte Herbert Stockmann nach Magdeburg zurück. Er unterstützte den Kulturbund und förderte die Entnazifizierung der bildenden Kunst. Ein Jahr später hat er einen Lehrauftrag an der Kunstschule Burg Giebichenstein in Halle erhalten.

In dem Werk „Die Ersten“ von 1946 ist Stockmanns – von Lyonel Feininger inspirierte – Kunst der Strichzeichnung deutlich erkennbar. Bildrechte: Marco Hennig.

Der damalige Direktor Walter Funkat schrieb über den Lehrer Stockmann: „Er fand schnell Anschluss an die hallesche Künstlerschaft. Die zeichnerische Lehre war überraschend und gab Impulse für andere Abteilungen. Sein Atelier wurde ein Treffpunkt der Künstler, es wurde dort oft bis in die Nacht diskutiert.“

Stockmann unterrichtete mehrere Kurse im Vorsemester und plante eine eigene Malklasse, bevor er sich im November 1947 das Leben nahm. Zu seinen Schülerinnen gehörte unter anderem die Hallenser Malerin Rosemarie Rataiczyk.

Herbert Stockmann hat die Welt gesehen und ihre vielfältige Kunst aufgenommen – aber auch ihre Barbarei erlebt. Die Erfahrungen haben sein künstlerisches Talent und Schaffen nachhaltig beeinflusst. Überlieferte Werke befinden sich in Museen in Halle und Magdeburg sowie in Privatbesitz. Vermutlich wird Stockmann den Bekanntheitsgrad anderer Zeitgenossen nicht mehr erreichen, aber vergessen werden sollte er dennoch nicht.

 

Zuerst erschienen bei: MDR Sachsen-Anhalt Online am 04. April 2018 in Halle.

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