Zirkus Klatschmohn – Eine kleine Familie feiert Geburtstag

Zehn Jahre bereichert er schon die Kulturlandschaft in Halle: der Zirkus Klatschmohn. Der Verein schafft Freiräume für Kinder. Hier können sie kreativ und „löwenstark“ sein. Im Herbst wird es eine Gala geben, um diesen besonderen Geburtstag zu feiern.

von Lisa Ossowski

Ein weißes Zirkuszelt steht auf dem Rossplatz am Halleschen Steintor. Bunte Fähnchen wehen im Wind und leiten zum Eingang. Aus dem Zelt kichert und lacht es bereits, denn ein Kurs für Fünf- bis Siebenjährige startet gleich im Zirkus Klatschmohn. Im Zelt steht Jugendtrainerin Cora schon bereit und ruft zum ersten Spiel: „Der Zirkus kommt in die Stadt“. Die Augen leuchten, die Wangen sind rot vor

Hereinspaziert in den Zirkus Klatschmohn! (R: Lisa Ossowski)

Aufregung. Kinder rennen durcheinander, lachen und brüllen wie Löwen. „Wenn Löwen gefüttert werden, geh nah dran; wenn Löwen los sind, dann renn!“ ruft sie den Kleinen zu. Natürlich möchte jedes Kind den Löwen spielen, das Losverfahren entscheidet. Drei Löwen sind ausgewählt, um die anderen Kinder nach der gefährlichen Fütterung zu fangen.

Über eine Schulsozialarbeiterin hat die 17-jährige Cora den Weg zum Zirkus gefunden. „Ich bin sehr froh, dass ich gefragt wurde, ob ich herkommen möchte.“ 2012 hat sie als Zirkuskind begonnen. „Am Anfang hab ich viel Übungen mit Gleichgewicht gemacht, also Kugellaufen, dann noch sehr viel Jonglage und dann hab ich mich immer weiterentwickelt.“ Alle Disziplinen hat Cora einmal probiert und dann ihre Leidenschaft gefunden: Das Cyr Wheel, ein übergroßer Reifen ähnlich dem Rhönrad, mit dem man sich um sich selbst drehen kann. Vor drei Jahren hat Cora ihre Ausbildung zur Jugendtrainerin abgeschlossen und gibt nun ihre Erfahrungen an Jüngere weiter.

Zirkus ist mehr als nur Sport

Nach dem Löwengebrüll wird durchgeatmet, denn Kugellaufen steht an. Cora hilft Blondschopf Elisabeth auf die Kugel, die fast so groß ist wie das Mädchen selbst. Zirkus heißt, sich bewegen, Gleichgewicht üben, Koordination trainieren. Aber es ist eben noch mehr als das.

Nadine Arendt ist Koordinatorin für Öffentlichkeitsarbeit und Sponsoring beim Zirkus Klatschmohn. Gelegentlich begleitet auch sie als Trainerin Zirkuskurse. Dabei ist aufeinander achtgeben ein wichtiger Bestandteil des gemeinsam Trainierens: „Erträgt mein Gegenüber jetzt Nähe oder muss ich auf Distanz gehen. Diese sozialen Skills lernt man hier. Und es macht super viel Spaß, in der Luft zu hängen oder fünf Bälle zu jonglieren.“

Zirkus aktiv gestalten

Leichter als gedacht: Kugel springen. (R: Lisa Ossowski)

Vor zehn Jahren wurde der Verein von Artisten eines Wanderzirkus gegründet. „Jeder kann eigentlich Zirkus machen“, erklärt Nadine. Ob Clownerie, Artistik, Akrobatik oder Tanz und Theater – all diese Aktivitäten bietet der Zirkus Klatschmohn in regelmäßigen Kursen für Kinder und Jugendliche im Zirkuszelt am Rossplatz an.

Zwei Mal im Jahr präsentieren die Kinder ihren Eltern ihre Trainingsergebnisse. Jeder, der möchte, kann kostenlos zuschauen. Jede Show steht dabei unter einem Thema, das sich die Kinder selbst ausgesucht haben. “Die Geschichte wird mit den Kindern entwickelt und dann wird sie im Zirkustraining verarbeitet. Es werden Nummern entwickelt, Kostüme gebastelt, Requisiten zusammengeschafft und dann wird aufgetreten.“ Neben beliebten Themen wie Unterwasser gibt es aber auch schon mal schwierige wie: „Der Tod macht Urlaub“.

Dafür arbeiten im Team des Zirkus Zirkustrainern und Artisten gemeinsam mit Theater- und Tanzpädagogen.

„Zirkus als soziales Kunstwerk“

Auch in Halle-Neustadt oder Halle-Silberhöhe können Kinder Zirkuskurse besuchen. Diese sind dort kostenlos, um auch Familien ohne hohes Einkommen die Chance auf Freizeitaktivitäten zu geben. „Da sind wir sehr stark aktiv, wir nennen das sozialen Zirkus. Wir wollen vor allen Dingen sozial benachteiligte Kinder erreichen – wie die soziale Benachteiligung auch immer aussehen mag: Es kann Bildungsferne sein, es kann finanzielle Schwäche sein, das kann auch ein Flüchtlingshintergrund sein“, erzählt Nadine.

Während der Schulferien finden in Halle Neustadt und auch am Standort Großkayna, wo der Verein ein Haus zur Verfügung hat, Zirkusferien statt. Zwischen den Hochhausblöcken der Neustadt werden bunte Zelte aufgestellt, „Und das ist wirklich schön“, erzählt Nadine. „Es ist fast wie ein Stadtteilfest. Die Eltern kommen, dann wird noch ein Kuchen gespendet für die große Gala. Wir erreichen dort die Kinder direkt.“

Jugendtrainerin Cora möchte die über die Jahre gewonnene Gemeinschaft nicht missen: „Der Zirkus ist wie eine Familie.“ Hier können Kinder sich frei bewegen, kreativ sein und über sich hinauswachsen.

Zuerst erschienen bei am 24.03.2018 MDR Sachsen-Anhalt am 24.03.2018

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