Hundekotverschmutzung in Halle – Im Schnitt ein Haufen alle acht Meter

Beim Spaziergang hat sie den Hundekotbeutel immer mit dabei: Cornelia Jung mit Hund Barry. Alle Fotos vom Autor

 

Es gibt sie in ziegelrot, ockergelb und zartem hellbraun, in kohlschwarz und aschgrau. Manche verstecken sich schüchtern unter Schneehaufen, andere thronen stolz auf dem Asphalt. Die Rede ist nicht von Blättern im Herbst, sondern von Hundehaufen, die im Sommer wie im Winter ein Ärgernis für unachtsame Fußgänger sind und über die sich in Halle dutzendfach Beschwerden sammeln. 

von Lukas Kammer

 

Beim Thema Hundekot liegt das Thema sprichwörtlich auf der Straße. 186 Fotos von Hundehaufen sind das Ergebnis eines Rundgangs mit der Kamera in Halles Medizinerviertel. Bei normalem Schritttempo dauert der Weg von der Forsterstraße bis zur Steintorbrücke etwa eine Viertelstunde. Mit dem Umweg am Steintor vorbei sind es anderthalb Kilometer – das ist umgerechnet ein Haufen pro acht Meter Fußweg. Die tatsächliche Zahl liegt noch höher, ist aber wegen der unterschiedlichen Verteilungs- und Zerfallsgrade nicht genau bestimmbar. Passanten kommentieren meine Fotodokumentation mit „Überall Exkremente“- und „Richtig so“-Rufen.

 

71 Hinweisen zur Hundekotverschmutzung nachgegangen

Für die Gegend um das Steintor herum und besonders die Berliner Straße häufen sich die Beschwerden im Online-Portal „Sag‘s uns einfach“ der Stadtverwaltung Halle. Gibt man im Portal den Suchbegriff „Hundekot“ ein, finden sich für den Zeitraum zwischen November 2017 und Februar 2018 vier Beschwerden zu diesem Stadtteil von Halle. Der jüngste Hinweis auf Kot und Unrat in der Stadt stammt vom 13. März. Die Stadt Halle ist laut Aussage von Sprecher Drago Bock 2017 insgesamt 71 Hinweisen zur Hundekotverschmutzung nachgegangen, allein 16 davon stammen aus „Sag’s uns einfach“.

Diese Zahl steht dennoch im krassen Gegensatz zu den fast 200 Haufen, die sich an einem normalen Montagmorgen finden lassen. Denn: „Hundehalter können nur dann bestraft werden, wenn sie in dem Moment ‚erwischt‘ werden, indem sie den Haufen ihrer Hunde nicht entsorgen“, so Drago Bock. Städtische Ordnungskräfte führten im gesamten Stadtgebiet im Rahmen der täglichen Streifentätigkeit Kontrollen durch, abhängig von der allgemeinen Einsatzlage. Wer erwischt wird, muss für die Ordnungswidrigkeit bis zu 5.000 Euro zahlen – auf Grundlage der Gefahrenabwehrverordnung der Stadt.

 

„Es fehlen die Auslaufflächen für die Hunde“

Matthias Walter, der seit fünf Jahren im Medizinerviertel wohnt, sieht ein ganz generelles Problem für Hundehalter: „Es fehlen die Auslaufflächen für die Hunde, weswegen auch ich mir keinen angeschafft habe. Es fehlen einfach die Möglichkeiten, wegzugehen. Viele Hundebesitzer sind, denke ich, aber auch einfach zu faul.“ Diese müssten laut Walter stärker in die Pflicht genommen werden und Verantwortung für ihr Tier übernehmen.

Aber auch für die Wiesen um Halle herum gibt es immer wieder Meldungen bei „Sag‘s uns einfach“. Für Kinder sei es wegen der vielen Haufen nicht möglich, auf den Wiesen im Wohngebiet zu spielen, so ein Kommentar von Anfang Februar. Nach Angaben der Stadt Frankfurt am Main können sich aber nicht nur Hunde beim Schnüffeln an fremden Haufen oder Kinder beim Spielen im Freien mit diversen Wurmarten oder Einzellern infizieren, die schwere Darmentzündungen auslösen können. Auch erwachsene Hundehalter können, wenn sie in Hundekot treten, mikroskopisch kleine Eier der Würmer in ihre Wohnungen tragen. Zu den Langzeitfolgen der Hundekotverschmutzung in Halle lägen dem Amt aber keine Statistiken vor, erklärt Harald Friesel, Sprecher des Landesamts für Umweltschutz Sachsen-Anhalt.

 

Selbstkritik wenn man kein Hundebesitzer ist: Auch Zigarettenkippen vergiften Gewässer.

 

Das junge Ehepaar Julia und Michael Rennecke kennt dieses Problem. „Wir haben zwei kleine Kinder und auf dem Weg zum Kindergarten müssen wir dauernd aufpassen, dass sie nicht in einen Haufen treten“, so Julia Rennecke. In den anderthalb Jahren, in denen das Paar in der Gegend des Steintors wohnt, habe sich an dem Problem nichts geändert. Michael Rennecke meint, er habe am Tag der Umfrage zum ersten Mal überhaupt einen Hundebesitzer mit einer Tüte gesehen. „Auch die Polizei könnte Hundebesitzer wenigstens einmal fragen, ob sie eine Tüte dabei haben. Ohne Tüte kann ja niemand die Exkremente wegmachen“, sagt er.

Zu erwähnen ist aber nicht nur Hundekot. Zur Verseuchung von Umwelt und Gewässern tragen beim Abfluss nach Regengüssen zum Beispiel auch auf der Straße entsorgte Zigarettenkippen bei. Nikotin, Teer und die in Filtern und anderem Material enthaltenen Chemikalien sind hochgiftig für Wasserbewohner.

 

Hundetoiletten und zwei Millionen Kotbeutel pro Jahr

Neben Geldbußen, wenn unachtsame Hundehalter in flagranti erwischt werden, versucht die Stadt Halle, dem Problem mit insgesamt 103 Hundetoiletten beizukommen. Die Beutelspender werden wöchentlich neu bestückt. Obwohl die Kommune damit laut Drago Bock rund zwei Millionen Beutel pro Jahr freiwillig zur Verfügung stellt und Hundebesitzer selbst verpflichtet sind, Beutel mitzuführen, häufen sich Beschwerden über leere Behälter. Zum Stand 12. März sind die Beutelreserven der Stadt laut „Sag‘s uns einfach“ aufgebraucht und könnten wegen Lieferschwierigkeiten noch nicht wieder aufgefüllt werden.  Andere berichten, zu wenige erreichbare Mülleimer seien ebenso ein Problem und das Ordnungsamt sei zu beschäftigt mit dem Verteilen von Strafzetteln, um sich der Hundehalter anzunehmen.

Das Ehepaar Rennecke erwähnt eine andere Methode, um Kot und Unrat zu entsorgen: Beispielsweise aus Städten in Nordrhein-Westfalen wie Köln oder Velbert gibt es Berichte über Straßenstaubsauger. In Velbert werden diese regelmäßig auch für Hundekot eingesetzt. Bei der ähnlich futuristischen Meldung, die Bundesregierung wolle eine DNA-Kartei zur Identifizierung wild ihr Geschäft verrichtender Hunde anlegen, handelt es sich laut der Faktencheck-Plattform Mimikamadagegen um einen Fake.

 

Michael und Julia Rennecke: Hundehaufen sind besonders für kleine Kinder ein Ärgernis.

 

Führerschein für Hundebesitzer

Cornelia Jung aus Kasseedorf ist selbst seit 30 Jahren Hundehalterin und auf der Durchreise. Sie hat an ihrem einen Tag in Halle noch keine Hundehaufen gesehen – die Innenstadt bleibt im Gegensatz zu den Siedlungen sauber. Sie fordert aber andere Hundebesitzer zu mehr Rücksicht auf und hält die Aufstellung von Hundetoiletten für eine gute Idee. Die Menschen müssten sensibilisiert werden: „Wenn ich einen Hundebesitzer sehe, der das nicht wegräumt, spreche ich sie an und sage: Sie haben da was vergessen“, sagt Jung. Dann fühlten sich die Leute auch meistens ertappt. Das Problem betreffe aber alle Städte, nicht nur Halle. Ihr Ehemann Wolfgang ergänzt, so wie man einen Führerschein für jedes Fahrzeug brauche, sollte auch angehenden Hundebesitzern Rücksicht und Verantwortungsbewusstsein beigebracht werden. Cornelia Jung hat ihrem Hund laut eigener Aussage beigebracht, seine Geschäfte vor dem Gang in die Stadt zu verrichten, für den Fall der Fälle ist sie aber „immer ausgerüstet“ mit Beuteln.

 

Zuerst erschienen bei MDR Sachsen-Anhalt online am 31.03.2018

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