Sachsen Anhalt: Das Land der Dialekte

von Florian Pontalti

Lutherdenkmal in Eisenach, Adolf von Donndorf, 1895

Martin Luther reformierte nicht nur die Religion, sondern auch die deutsche Sprache. Das Archivfoto zeigt ein Denkmal von Luther in Eisenach.Bildrechte: dpa

Dialekte sind schon etwas Skurriles. Man kann die gleiche Sprache sprechen und trotzdem kein Wort verstehen, egal wie stark man sich manchmal auch bezickelt [Hallisch für „anstrengen“]. Seit mehr als 1.000 Jahren schon gibt es in Deutschland etliche solcher Dialekte, in der Linguistik auch „Sprachvarietäten“ genannt. Wer durch die heutige Bundesrepublik reist, wird ostfriesisches Plattdütsch, Berlinerisch, Hessisch, Osterländisch, Bayrisch und noch viele andere Dialekte hören können. Doch woher kommt eigentlich unser heutiges Hochdeutsch?

Die Wiege der Deutschen Standardsprache liegt in Mitteldeutschland, genauer gesagt zwischen Eisleben bis Eisenach. Hawwense dat jewusst [Mansfelderisch für „Haben Sie das gewusst“]? Mitte des 16. Jahrhunderts übersetzte hier ein gewisser Martin Luther aus Eisleben die Bibel aus dem Lateinischen ins Deutsche – und schuf mit deren erfolgreicher Verbreitung zunächst die Grundlage für eine allgemein gültige Schriftsprache. Damals natürlich noch in passendem ostmitteldeutsch-sächsischem Dialekt.

Mit der Erfindung des massentauglichen Buchdruckes wurde jene landesweite Veränderung zu unserem heutigen Hochdeutsch noch weiter vorangetrieben, so dass es ab dem 17. Jahrhundert erste schriftliche Normungen gab, zum Beispiel die „Teutsche Sprachkunst“ des Gelehrten Georg Schoettelius. Sachsen-Anhalt spielte hier nicht nur als Geburts- und Sterbeort von Luther eine besondere Rolle, sondern auch als Heimat einzigartiger, kleinerer Dialekte wie Hallisch oder Mansfelderisch (ebenfalls gesprochen in Eisleben).

In Vielfalt sprechen und leben

Die immer noch existierende Vielfalt der heutigen Dialekte zeigt, dass sie für so viel mehr als nur zur Verständigung und zum kwackln [Anhaltisch für „quatschen/erzählen“] dienen. Dialekte sind sozial, bieten interessanten Gesprächsstoff und viel Raum für Ironie. Auch sind Dialekte individuell, sie sind prägnant und haben einen hohen gesellschaftlichen Wiedererkennungswert. Letztendlich sind Dialekte ein elementarer Aspekt unserer Sprach- und Heimatkultur und können uns sogar das Gefühl von Zuhause vermitteln.

Eine Person sitzt am Schreibtisch vor einem Laptop, in der rechten Hand ein Smartphone und einen Schreibstift in der linken.

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Allerdings ist die Verbreitung von Dialekten in Deutschland laut aktueller Statistiken rückläufig. Die Ursachen dafür sind so vielfältig wie schade. Zum einen sorgt die Landflucht der Jugend für weniger dialektbegeisterten Nachwuchs. In durchmischten Großstädten und Ballungsräumen eignen sich spezielle Dialekte schlichtweg schlechter zur Verständigung als Hochdeutsch. Wer einen Dialekt spricht, gilt zudem schnell als ländlich, rückschrittlich oder nicht weltoffen.

Zum anderen sorgt sicherlich auch die stärkere mediale Vernetzung für eine Angleichung der gelebten Sprachkultur bis in die hintersten Ecken der Wirtshäuser. Oft wird heutzutage nur noch ein regional eingefärbter Dialekt gesprochen. Diese Form der dialektal geprägten Umgangssprache wird jedoch als Regiolekt bezeichnet und oft mit dem eigentlichen Dialekt verwechselt. Johann Wolfgang von Goethe würde sich in Anbetracht dieser Lage vermutlich in seiner Fleeschkiste [Hallisch für „Sarg“] umdrehen, denn auch er wusste bereits: Beim Dialekt fängt die gesprochene Sprache an!

Angesichts der aktuellen, hitzigen Debatte über eine „deutsche“ Kultur und auf welchen Werten und Pfeilern diese aufgebaut ist, sollten wir eines nie vergessen: Selbst unser höchstes und ältestes Gut – unsere deutsche Sprache – lebt schon seit über 1.000 Jahren von kultureller Vielfalt.

Zuerst erschienen bei MDR Sachsen-Anhalt online am 31.03.2018

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