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Sozialismus aus Beton – Halle-Neustadt

Halle-Neustadt – sie ist das größte DDR-Stadtbauprojekt gewesen, die einzige Neuplanung einer ganzen Großstadt. Sie hatte Modellcharakter für den gesamten DDR-Wohnungsbau mit einer unglaublichen Bauzeit von 25 Jahren. Die meisten Großprojekte der DDR wurden als Plansiedlungen errichtet und wurden nicht als eigenständige Städte gedacht.

Doch ihr Charakter hatte noch einen anderen Kern:

Mit dem Bau der Chemiearbeiterstadt wollen wir demonstrieren, wie wir uns die Verbesserung der Lebensverhältnisse der arbeitenden Menschen vorstellen. Uns geht es dabei nicht nur um schöne und helle Wohnungen, in denen sich die Menschen wohl fühlen. In der Chemiearbeiterstadt wollen wir überhaupt solche Bedinungen schaffen, die ihren Bewohnern Zeit und Muße für ihre geistig-kulturelle Bildung für sinnvoll genutzte Freiteit bieten – eine Stadt, in der zu leben für jeden Glücklichsein heißt.

Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Halle Horst Sindermann bei der Grundsteinlegung für Halle-Neustadt am 15.7.1964

Doch konnte das Planungsteam diesen Anspruch erfüllen?

Die Koordination der Planung übernahm Richard Paulick, welcher ursprünglich aus der anhaltinischen Stadt Roßlau/Elbe stammt. 1925 kam Paulick in Kontakt mit dem Bauhaus in Dessau, wo er seine entscheidende Prägung als Architekt und Städtebauer erfuhr. Er wirkte in den Jahren 1926-27 am Experimental-Stahlhaus in Dessau mit, welches von Georg Muche geleitet wurde. Ab 1927 war er Mitarbeiter im Baubüro von Walter Gropius in Dessau, welches er ab 1928 leitete. Er war beteiligt an wichtigen Großprojekten von Walter Gropius wie der Siedlung Dessau-Törten, dem Arbeitsamt Dessau sowie am Projekt Stadtkrone Halle und Totaltheater. Als das Baubüro in Dessau 1929 aufgelöst wird, arbeitet er bis August 1930 bei Gropius in Berlin.

Richard Paulick, 1953Paulick emigriert 1933 nach Shanghai und entzieht sich der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. Er verbleibt bis 1949 in Shanghai und findet dort planerische Aufgaben und wird von 1943 bis 1949 Professor für Innenarchitektur und Stadtplanung an der Shanghaier St. John's Universität. Dann begibt sich Paulick zurück nach Deutschland.

Paulick kehrt in seine Heimatregion zurück und wird Meisterarchitekt und Stadtprojektant. Aufgrund der kollektivierten Arbeitsprozesse lässt sich der Anteil der einzelnen Mitglieder im nachhinein schwer rekonstruieren, klar ist jedoch, dass Paulicks Pläne für die Berliner Stalinallee überzeugen und er maßgebende planerische Aufgaben übernimmt. Zudem obliegt im die Planung und Ausführung der Deutschen Staatsoper in Berlin.

1963 obliegt Paulick die städtebauliche Gesamtplanung der Chemiearbeiterstadt Halle-Neustadt (Halle-West). Er ist hauptverantwortlich für die Wohnkomplexe I-IV, die Reserveflächen, das Stadtzentrum, das Bildungszentrum und dem Industriekomplex.

Die umfangreiche Schaffensphase Paulicks als Chefarchitekt in der DDR konzentriert sich überwiegend auf Berlin, Dresden, Halle und weiteren DDR-Zentren. Paulick stirbt 1979 und verbleibt weiterhin als unbekannter Chefarchitekt. Seine Spuren sind vielfältig.

Paulick lernte von Gropius und dieser gründete gemeinsam mit anderen internationalen Architekten den Congrès Internationaux d’Architecture Moderne (CIAM). 1933 schloss der Kongress mit der Charta von Athen und darin ist zu lesen:

75 Die Stadt hat die Pflicht, auf geistigem wie materiellem Gebiet, die Freiheit der Persönlichkeit zu gewährleisten und das gemeinschaftliche Handeln zu fördern,
76 Alle Größenordnungen im Stadtplan dürfen nur durch menschliche Maße bestimmt werden.
95 Das Privatinteresse muß dem Gemeinschaftsinteresse untergeordnet werden.

Karlheinz Schlesier war beteiligt am Projekt Halle-Neustadt. Er resümiert, dass in Halle-Neustadt “substanzielle Forderungen der Charta von Athen” dort verwirklich worden, “wenn auch in den ‘Farben der DDR'”. “Halle-Neustadt stellt meines Erachtens insoweit eines der frühesten, konsequentesten und unmittelbarsten Beispiele dafür dar”, schreibt Schlesier 2006 in seinem Beitrag über Richard Paulick und Halle-Neustadt. Weiter schreibt er:

“Doch CIAM, ‘Moderne’ und ‘Nachkriegsmoderne’ hatten eben jene ernsthafte soziale Komponente und waren im Grunde politisch links. Dies trifft […] auch auf Richard Paulick und viele andere ‘Träumer von einer besseren Welt’ [zu]. Richard Paulick und manche mit ihm haben diese grsellschaftspolitische Grundhaltung, die soziale Komponente des Moderne-Manifests beibehalten, als die meisten der frühen Protagonisten der CIAM-Bewegung zwar noch konsequenter die formalen Elemente ihrer Architektursprache pflegen, den ‘sozialen’ Gehalt aber längst über Bord geworfen hatten.” […] Ich sehe in seiner Zeit in Halle-Neustadt den Höhepunkt seines beruflichen Schaffens und seines Wirkens als Architekt und Baupolitiker, als Leiter und Lehrer.”

Doch wie sah es in der Realität aus? Es gibt zahlreiche Diskussionen darüber, inwiefern Anspruch und Realität der sozialistischen Idee im Realsozialismus auseinanderklafften. Diese Kluft machte auch vor Halle-Neustadt nicht halt, trotz des Glücksanspruches.

In Halle forschte Prof. Dr. Peer Pasternak über Halle-Neustadt und vergleicht Intention des Planung mit der gebauten Realität, besonders die Entwicklung Halle-Neustadts nach der Wende 1990. Die Planung sei “Intentionalistisch”, was bedeutet, dass “die dominierende Stadtkonstruktion in den DDR-Jahrzehnten insofern, als die Stadt ein exemplarisch gedachter Bestandteil eines Gesellschaftsprojekts gewesen ist, das sein Ziel kannte und das zur Zielerreichung gewillt war, jegliche Irritationen als irrelevant zu ignorieren oder ggf. aus dem Weg zu räumen – statt sie zu bearbeiten. Kybernetisch war der Modus, insofern die Stadt als ein selbstreguliertes System geplant und gebaut wurde. Eine Stadt-Mensch-Kopplung war angestrebt, in der durch Stadtmorphologie und Institutionengefüge verhaltenssteuernde Nachrichten an die Bewohner/innen übertragen werden, welche sich dann in den determinierten Regelkreisen bewegen”.

Festzuhalten bleibt jedoch, dass die Modernen Spuren des Bauhauses Einzug halten in der Planung der Chemiearbeiterstadt Halle-West. Der Chefplaner war in Dessau enger Mitarbeiter Walter Gropius’, lernte von diesem und schloss sich den Idealen des CIAM an: Halle-Neustadt ist gebauter Bauhausgedanke. Nicht das Original, aber im deutlichen Abbild dessen. Halle-Neustadt stand für Aufbruch eines zusammenbrechenden Staates, der seine eigene Existenz mit allen Mitteln verteidigen musste.

Von 1964 bis 1973 22.000 Wohnungen und Gemeinschaftseinrichtungen zu errichten. Dafür wurden 1,3 Milliarden DDR-Mark veranschlagt. Insgesamt sollten 70.000 Menschen Wohnraum finden. Bereits Ende 1968 wurden mehr finanzielle Mittel verbraucht als geplant.

// Zum weiterlesen: Interview mit Karlheinz Schlesier

Impressionen aus Halle-Neustadt