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Die Anfänge

Walter Gropius’ totales Streben nach einem Gesamtkunstwerk im Menschen

»Aber auch vom sozialen Standpunkt aus ist es nicht gleichgültig, ob der moderne Fabrikarbeiter in öden, häßlichen Industriekasernen oder in wohlproportionierten Räumen seine Arbeit verrichtet. Er wird dort freudiger am Mitschaffen großer gemeinsamer Werte arbeiten, wo seine vom Künstler durchgebildete Arbeitsstätte dem einem jeden angeborenen Schönheitsgefühl entgegenkommt und auf die Eintönigkeit der mechanischen Arbeit belebend einwirkt. So wird mit der zunehmenden Zufriedenheit Arbeitsgeist und Leistungsfähigkeit des Betriebes wachsen.« // Walter Gropius, 1913

Die Anfänge des Bauhauses liegen bei Walter Gropius. Gropius selbst war aktiver Industriearchitekt und Werkbundmitglied erster Stunde: Bis heute gilt das Fagus-Werk in Alfeld als der Beginn der konzeptionellen Industriearchitektur und Vorreiter für die Lehren am Bauhaus. Aus diesem Grund stehen die Positionen von Gropius beispielhaft für die Positionen des Werkbundes in der Anfangsphase und bilden zugleich das Fundament für die Einrichtung der Bauhausschule als »[…] künstlerische Beratungsstelle für Industrie, Gewerbe und Handwerk«[1].

Gropius stützte sich bei seinen Thesen auf werkbündische Vordenker. Er berief sich dabei auf die These des späterer Werkbundvorsitzenden und Industriearchitekten Hans Poelzig, dass sich die vom Architekten gestalteten Produktionsstätten »in klarster und knappster Weise den Forderungen des Betriebes« (Hans Poelzig, 1909) zu fügen hätten. Ferner entwickelte er diesen Ansatz weiter und stellte die ›Bedürfnissen‹ der Arbeitenden in den Mittelpunkt. Gropius umschrieb diese mit »Licht, Luft und Reinlichkeit«. Im Umkehrschluss konnten die Forderungen des Betriebes nach einem optimierten Arbeiter erfüllt werden. Sich diesen Rahmenbedingungen als Architekt zu fügen und dem Paradox nachzustreben, ›Schönheit‹ aus der Funktion losgelöst von einem existierendem Ideal der Ästhetik entstehen zu lassen, waren die damaligen Ansprüche der Funktionalistischen Architektur: Ihre Ästhetik entsprang der technizistischen Brutalität der modernen Maschinenwelt und ihre Erschaffer wehrten sich allergisch gegen Luxus, Ornamentik und einem gestalterischen Überfluss. Für kindische Spielereien war in der vom vernünftigen und ordnenden Geist bestimmten Sachlichkeit kein Raum.

Gropius verinnerlichte die Bestrebungen des Werkbundmitgründers Muthesius, aus der künstlerischen Tätigkeit konkrete Ausdrucksgestalt Wirklichkeit werden zu lassen. Dabei sollte der umfassend gebildete Künstler mit seinen Fähigkeiten die industrielle Produktionsrealität der Arbeitenden zum Besseren wenden. Gropius‘ Lehre ist es, mittels »architektonischem Ausdruck […] den inneren Wert der Einrichtung und die Methode der Arbeit würdig« auszudrücken. Dabei liege – so die Annahme – dem Menschen eine Art allgemeingültiges Schönheitsempfinden inne, welches nur durch den Architekten geweckt werden müsse. Schaffe es der Architekt dieses »ursprüngliche Schönheitsempfinden, dass jeder noch so ungebildete Arbeiter besitzt« anzusprechen, wird nach Gropius »der Fabrikarbeiter, der Sklave der modernen Industriearbeit, nicht [die] Freude am Mitschaffen großer gemeinsamer Werte verlieren […]«.

Das Fagus-Werk in Alfeld ist eine Schuhleistenfabrik südlich von Hannover. Das Werk wurde 1911 gemeinsam von Walter Gropius und seinem Mitarbeiter Adolf Meyer entworfen. Es steht unter Denkmalschutz und wird von der UNESCO als Weltkulturerbe betrachtet. Das Gebäude steht Beispiel für eine beginnende architektonische Moderne und für einen internationalistischen Stil. Die Stahlskelettkonstruktion, die Vorhangfassaden aus Glas und die überwiegend kubischen Formen kennzeichnen den Stil, den Jahre später die Bauhausschule funktionalistische Architektur prägen wird.

Fagus-Werk bei de.wikipedia.org

»Funktionalistische Architektur […] verabsolutiert die Technik und das Soziale, wie die klassische Proportionsarchitektur das Ästhetische verabsolutierte. Sie glaubt damit in der Kunst einen unmittelbaren Ausdruck des kollektiven Geistes und der historischen Lage, die sich in der universell und über den traditionellen Begriff hinaus wirksamen Technik substanzialisiert, zu verwirklichen. Die Schönheit der Kunst bestimmt sich nun nicht mehr mit Bezug auf den Schein nach Maßgabe einer überhistorischen Schönheitslehre, sondern nach dem Maßstab, ob in der künstlerischen Tätigkeit die Wirklichkeit selbst konkrete Ausdrucksgestalt erreicht, die nicht nur Form ist.«

»Die angestrebte Unterwerfung des Benutzers unter den Willen des Künstlers, die ›Gleichschaltung‹ von künstlerischem Anspruch und gesellschaftlicher Realität, war eine Konsequenz der Idee des Gesamtkunstwerks und der totalen Ästhetisierung, von der sich Gropius mit gutem Grund - später - entschieden distanzierte. Was am Ende von allem irdischen Übel erlösen sollte, trug auch den Keim des Terrors und der Vergewaltigung in sich.«


Die Ästhetisierung des Ausbeutungsverhältnisses zielte auf die Formung des Einzelnen. Gropius war davon überzeugt, dass durch eine künstlerische Ausbildung aus den Menschen wohlgeformte und ihrer Fähigkeiten bewusst gewordene Individuen entstehen. Aus diesem Grund müssten, wie es Horst Claussen in Gropius denken ausfindig macht, »Gegengewichte gegen die Übermechanisierung des Lebens« gesetzt werden, die mit der Ausbildung zum Künstler eine Berufsform bekommen.

»Eine große allumfassende Kunst setzt die geistige Einheit ihrer Zeit voraus, sie braucht die innigste Verbindung mit der Umwelt, mit dem lebendigen Menschen [Hervorhebung im Original]. Erst muß der Mensch wohlgestaltet sein, dann erst kann ihm der Künstler das schöne Kleid gestalten.« // Walter Gropius 1919

Dabei ist der bereits erwähnte umfassend gebildete Künstler der »Prototyp des totalen Menschen«, wie es Gropius selbst beschrieb. Dieser totale Mensch sei ein Mensch der sich voll und ganz der Bildung widmet und vielseitige Fähigkeiten und Erfahrung aneignet. Gropius leitete daraus einen Führungsanspruch des Künstlers ab, insbesondere einen Führungsanspruch der Architektur als die oberste künstlerische Disziplin:

»Der berufene Dirigent dieses Orchesters war von alters her der Architekt. Architekt, das heißt: Führer der Kunst.« Walter Gropius 1919

Als Dirigent war der Architekt Leuchtturm in der durch wissenschaftlichen und technischen Fortschritt desorientierten Gesellschaft. Aus diesem falschen Anspruch folgt einerseits der Irrglaube, dass sich der Künstler durch die Bildung vom ökonomischen Unterbau loslösen könne und andererseits das bevormundende und totalitäre Resultat, dass sich die »Benutzer« dem Willen des Künstlers zu unterwerfen haben.

Der Vorwurf ist dabei nicht ganz unbegründet, formulierte Gropius doch selbst diesen Anspruch der totalen Vereinheitlichung mit dem ultimativen Ziel der vollständigen Einheit und der Überwindung der sozialen Gegensätze. Im Jahr 1919 schrieb Gropius, dass das »letzte, wenn auch ferne Ziel des Bauhauses […] das Einheitskunstwerk [ist] – der große Bau – in dem es keine Grenze gibt zwischen monumentaler und dekorativer Kunst.« Ferner beschwor er vier Jahre später: Die »Arbeiter, vom einfachen Handwerker und Arbeiter bis zum außerordentlichen Künstler« werden vereint sein »im gemeinsamen Werk«.

Übertragen auf die Bauhaus-Lehre verfolgte Gropius jenen Ansatz, seinen SchülerInnen eine handwerkliche wie künstlerische Ausbildung zu vermitteln. Dabei war die romantische Vorstellung der mittelalterlichen Baugilde leitend: Die Studierenden sollten sich in einem »Team« organisieren, in welchem ein Jeder »Techniker, Künstler, Kaufmann« (Walter Gropius 1913) in einer Person sei. Diese Teammitglieder würden sich wie die damaligen Mitglieder der Baugilde nach demokratischen Prinzipien organisieren und die Utopie der Einheit leben. Mit dem Ziel der totalen Vereinheitlichung körperlichen wie geistigen Produktivseins in einer Person strebte Gropius am Bauhaus die Ausbildung des umfassend gebildeten Künstlers an.

Dennoch fiel die Industriearbeit aus dieser Lehre nicht heraus und wurde unzertrennlich mit der handwerklichen Arbeit verknüpft. Gropius‘ Ziel bestand in der Aufhebung der Gegensätze zwischen handwerklicher und maschineller Produktion durch die Subsumierung beider Bereiche in einem alles umfassenden Begriff der Technik.

[1] »Vorschläge zur Gründung einer Lehranstalt als künstlerische Beratungsstelle für Industrie, Gewerbe und Handwerk«, Titel des Schreibens von Gropius an das Staatsministerium in Weimar vom 25. Januar 1916.

Als Grundlage für diesen Text diente folgende Literatur:
– Claussen, Horst (1986): Walter Gropius. Grundzüge seines Denkens. Hildesheim, New York: Olms (Studien zur Kunstgeschichte, 39).
– Gropius, Walter (1913): Die Entwicklung moderner Industriebaukunst. In: Hartmut Probst und Christian Schädlich (Hg.): Walter Gropius. Unter Mitarbeit von Walter Gropius. Berlin: Ernst, S. 55–57.
– Gropius, Walter (1919): Baukunst im freien Volksstaat. In: Hartmut Probst und Christian Schädlich (Hg.): Walter Gropius. Unter Mitarbeit von Walter Gropius. Berlin: Ernst, S. 65f.
– Gropius, Walter (1919): Antworten auf eine Umfrage des Arbeitsrates für Kunst. In: Hartmut Probst und Christian Schädlich (Hg.): Walter Gropius. Unter Mitarbeit von Walter Gropius. Berlin: Ernst, S. 67–70.

Impressionen: Fagus-Werk in Alfeld