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Die unschöne Wahrheit

»In all dieser Geschäftigkeit, angeekelt und verzweifelt zu gleich, sannen wir auf einen Ausweg. So begann ein wahres Nomadenleben, und schließlich tauchten wir dort unter, wo Hitler ein Ventil gelassen hatte: im Industriebau. Um in der Versenkung zu verschwinden und nicht ›eingeordnet‹ und ›ausgerichtet‹ zu werden, (…) mußte dieser Weg gegangen werden.« // Rudolf Lodders

Zuflucht im Industriebau ist der Titel eines Artikels aus dem Jahr 1947, geschrieben vom Industriearchitekten Rudolf Lodders. Dieser thematisiert sein Weiterwirken und das seiner Architekturkollegen als Vertreter des Neuen Bauens unter den Prämissen des Dritten Reiches. Seine rechtfertigenden Worte trugen maßgeblich an der Mythenbildung einer Flucht der Moderne in den Industriebau bei, einer Nische, in welcher Lodders und andere Architekten des Neuen Bauens meinten, einerseits der nationalsozialistischen Vereinnahmung entfliehen zu können und in der sie andererseits modernes Bauen so am Leben erhalten würden.

Flucht und Verfolgung

Am Morgen des 11. Aprils 1933 begannen Polizei und SA die Bauhaushochschule in Berlin zu stürmen und zu durchsuchen. Wenige Tage später wurde auf Beschluss der Schulleitung mit Mies van der Rohe als Direktor der Lehrunterricht eingestellt und das Ende des Bauhauses nach gut 14 Jahren besiegelt.

Die Sturmaktion durch SA und Polizei war Teil der nationalsozialistischen Verfolgungen gegen KommunistInnen und andere politische Feinde, JüdInnen, Sinti und Roma, Homosexuelle und andere »Volksfremde«, u.a. angeheizt durch die Agitationen des Völkischen Beobachters. Das Parteiblatt hetzte seit 1928 gegen die »Mitglieder der jüdisch-bolschewistischen Architektenvereinigung« – gemeint war der Zusammenschluss prominenter Architekten zu Der Ring bzw. Der Zehner-Ring – und denunzierte im Verlauf und besonders in den Jahren 1931 bis 1933 Bauhäusler oder der Bauhauslehre nahestehende Personen namentlich (Gropius, Bartning, May, Taut, Wagner, Poelzig).

Mit der Gleichschaltung bestehender Architektenverbände folgten erste Entlassungen und Berufsverbote. Die Vorstandsmitglieder des Werkbundes traten aus Empörung über die bevorstehenden Gleichschaltungspläne geschlossen zurück. Der Architekt und Gropius-Kollege Martin Wagner wurde aus dem Werkbund gedrängt, verlor alle öffentlichen Ämter und erhielt ein Berufsverbot bevor er über Kontakte 1935 in die Türkei emigrieren konnte. Die Emigration wurde auch das Mittel der Wahl anderer Bauhäusler. Ernst May, Stadtplaner in Frankfurt am Main und Förderer des Neuen Bauens im Großraum Frankfurt am Main, ging bereits vor der Machtübernahme in die Sowjetunion und versuchte an der Umgestaltung Moskaus mitzuwirken. Sein Versuch scheiterte. Die Rückkehr nach Deutschland 1934 wurde ihm verwehrt und May blieb als ›Kulturbolschewist‹ bis 1945 staatenlos. Andere sahen ebenfalls nur in der Emigration eine Chance (Kandinsky, Moholy-Nagy, Albers). Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe hingegen verließen das Land endgültig erst 1937 bzw. 1938, nachdem mehrere Versuche, sich im NS-System einzufinden, fehlschlugen. Zwar verlegte Gropius im Jahr 1934 seinen Wohnsitz nach England, kehrte aber mehrfach nach Deutschland zurück. Generell floh der Großteil der Ehemaligen Bauhäusler in das innere Selbst.

Dass Gropius und die Bauhausschule keinen expliziten politischen Anspruch formulierten, sollte sich als Schutz herausstellen. Während Lehrende am Bauhaus keine politische Verfolgung aufgrund ihrer Tätigkeit als Lehrende fürchten mussten, waren politisch aktive Studierende und Lehrende, die sich in sozialistischen und kommunistischen Strömungen einordneten, aufgrund dessen akut von Verfolgung, politischer Inhaftierung oder gar Ermordung bedroht. Ganz abgesehen von denjenigen, die Teil der jüdischen Gemeinschaft waren und aufgrund dessen in das Verfolgungsraster der Nazis fielen.

Die genaue Anzahl derer, die eine Flucht nicht schafften, ist nicht bekannt. Die Zahlen von verfolgten BauhäuslerInnen variieren von mindestens 20 Gefangennahmen in Konzentrationslagern mit 8 bis 30 Todesopfern in den Jahren 1933 bis 1945.

Die »Zuflucht im Industriebau«

Während ein Teil der BauhäuslerInnen eine Teilhabe am nationalsozialistischen Staat ablehnten, erhofften sich andere handfeste Chancen oder zumindest eine Duldung in der neuen Ordnung. In einem Brief an Gropius zu dessen 50. Geburtstag 1933 hofften die Brüder Hans und Wassili Luckhardt:

»Wir müssen in unseren Bestrebungen nicht von neuem Kämpfen. Wir glauben nicht, dass es ein neuer Anfang ist, sondern ein weiterarbeiten und wir glauben darüber hinaus, dass zum Schluss die moderne Baubewegung (…) doch erst das grosse Fundament bekommen muss, das bis jetzt eigentlich gefehlt hat. (…) Wir sehen nicht hoffnungslos in die Zukunft und begrüssen Sie in diesem Sinne.« // Brüder Hans und Wassili Luckhardt

Ihre Worte formulierten die Zuversicht, die sie mit anderen geschmähten Bauhäuslern teilten: Ein Weitermachen (auch unter anderen Vorzeichen); ein Mitgenommen werden; das Überleben des Neuen Bauens; die Irrelevanz der Weimarer Bauhausjahre und sogar eine Affirmation des NS. In zahlreichen Versuchen schielte man darauf, die NS-Führung für die Inhalte des Neuen Bauens zu gewinnen. In öffentlichen Aufrufen schworen sie Hitler »Gefolgschaft«[1] und forderten in Zeitungsartikeln einen »wesentliche[n] Platz und eine wesentliche Aufgabe […] bei der innerpolitischen Neuformung des Volkes«[2]. In den Jahren 1933-1935 engagierten sich Gropius, Mies und weitere Bauhäusler teils auf Einladung und teils aus Eigeninitiative mehrfach an öffentlichen Aufträgen. Bauhäusler konzipierten eine eigene Abteilung auf der Ausstellung »Deutsches Volk – Deutsche Arbeit«. Gropius und Mies reichten Entwürfe zum Neubau der Reichsbank in Berlin und dem Haus der Arbeit der Deutschen Arbeitsfront ein.

Gropius und Mies konnten ihre Ambitionen nicht in Erfolg umwandeln. Eine ›Nische‹ und eine »Zuflucht« sollte sich für sie im Dritten Reich nicht öffnen.

Diese »Zuflucht« fanden andere, denen ein prominenter Status nur im Wege gestanden hätte. Es waren junge und unbekannte, teilweise aber auch bereits etablierte Architekten, die sich einen festen Stand in der Industrie vor 1933 sichern konnten und nach 1933 in ihren Posten blieben. In diesem Zuge sollen drei Namen fallen, die Beispielhaft stehen für erfolgreiche junge und – um dieses Wort erneut zu bemühen – moderne Architekten: Rudolf Lodders, Egon Eiermann und Ernst Neufert. Ihre im nationalsozialistischen Deutschland entworfenen und umgesetzten Industrieanlagen sind werkbündische Musterbetriebe in gewollter Bauhausästhetik.

Rudolf Lodders, der Autor des am Kapitelanfang stehenden Zitates und der Begründer des Mythos einer »Zuflucht im Industriebau«, konnte nach seinem Studium eine Anstellung beim Architekten und »Sonne der modernen Architektur« Karl Schneider finden, bevor ihn seine Erfolge nach Frankfurt am Main zu Ernst May führten. Der Automobilunternehmer Carl Borgward beauftragte Lodders noch vor 1933 mit einem ersten Ausbau seiner Werkshallen. Die Anstellung bei der Borgward AG machten Lodders unabhängig von staatlichen Aufträgen nach der Machtergreifung der Nazis und versorgten ihn auf Jahre mit Planungsaufgaben.

Borgward-Werke, Bremer Werkgelände. Foto von Ernst Scheel, entnommen aus: Hoffmann, Julius (1938): Moderne Bauformen. Monatshefte für Architektur. Stuttgart: Hoffmann (XXXVII), S. 586.

Einhergehend mit der fortgeschrittenen Rüstungspolitik stellte auch die Borgward AG die Produktion auf militärische Fahrzeuge – Kettenfahrzeuge aller Art – um: Das Unternehmen wurde Hauptlieferant von Fahrzeugketten für Panzerfahrzeuge und weitete die Produktionsanlagen mit einer neuen Werkshalle aus. Lodders selbst übernahm dabei nicht nur planerische Aufgaben, sondern beteiligte sich in jedoch unbekanntem Ausmaß an der Unternehmensorganisation, die auch den Einsatz von Häftlingen aus den Kriegsgefangenen- und Konzentrationslagern vorsah. Seine Bemühungen bei Borgward generierten ihm den Status als ›unabkömmlich‹ und Lodders entging einem Einzug in die Wehrmacht, was er selbst als Akt der Sabotage beschrieb.

»Dienststellen, die mit übertriebenem Eifer ihre Existenzberechtigung unter den drolligsten Kapriolen unter Beweis zu stellen suchten und die Arbeit durch Erhebungen und Erfassungen eher hinderten als förderten« // Rudolf Lodders

Die Selbsteinstufung der Sabotage hinterlässt dabei nicht nur einen zynischen Beigeschmack, sondern kaschiert die tatsächliche Teilhabe Lodders als Planer und Architekt an der nationalsozialistischen Rüstungsindustrie sowie der einhergehenden Vernichtung (Zwangsarbeit, Rüstungsgüter). Lodders versteckt sich dabei hinter der Tätigkeit für den Privatunternehmer Carl Borgward. Er pflichtet jenen bei, die »unter Aufgabe der Selbständigkeit, in untergeordneten Stellungen wie auch unter der Tarnkappe eines von einem großen Werknamen getragenen anonymen Baubüros arbeiten [gemeint ist das Baubüro Heinkel-Werke-Oranienburg bzw. später das Baubüro Rimpl]«, lobt das gesicherte Weiterwirken des Modernen Bauens und kommt zu dem Schluss, die Wehrmacht zersetzt zu haben. Dabei begibt er sich argumentativ auf bereits gebrochenes Eis. Nicht nur, dass er sich selbst und seinen Architekturkollegen eine passive Rolle zuschreibt, er verkennt auch, dass diese Industriebauten Hauptbestandteil der nationalsozialistischen Rüstungsindustrie rahmten und somit jene Lieferanten darstellten, die den (industriellen) Massenmord erst ermöglichten. Somit sind jene modernen Industriebauten und ihre Architekten »integrierte Bestandteile« des modernen NS-Staates und keine einfach nur geduldeten Elemente.

[1] Ludwig Mies van der Rohe leistete seine Unterschrift im Aufruf der Kulturschaffenden im Völkischer Beobachter vom 18. August 1934.
[2] Wassili Luckhardt in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 26. März 1933, zitiert nach: Lane 1986 – Architektur und Politik in Deutschland, S. 169.

Als Grundlage für diesen Text diente folgende Literatur:
– Lane, Barbara Miller (1986): Architektur und Politik in Deutschland. 1918-1945. Braunschweig u.a: Vieweg (Schriften des Deutschen Architekturmuseums zur Architekturgeschichte und Architekturtheorie).
– Mende, Michael (1996): »Kunst der Technik oder die Technik der Kunst«. Carl F. W. Borgward und sein Architekt Rudolf Lodders. In: Burkhard Dietz, Michael Fessner und Helmut Maier (Hg.): Technische Intelligenz und »Kulturfaktor Technik«. Kulturvorstellungen von Technikern und Ingenieuren zwischen Kaiserreich und früher Bundesrepublik Deutschland. Münster: Waxmann (Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt, 2), S. 221–252.
– Nerdinger, Winfried (Hg.) (1993): Bauhaus-Moderne im Nationalsozialismus. Zwischen Anbiederung und Verfolgung. München: Prestel-Verlag.